Der richtige Fahrradsattel hilft
Nach besonders langen Radtouren stellen manche fest: Das tut weh. "Der Sattel passt nicht", weiß Radbloggerin und ADFC-Stuttgart-Vorstandsmitglied Christine Lehmann und liefert Tipps und Hintergründe rund um Härtegrade, Passformen und Anatomien.

Christine schreibt:
Nicht aufgeben, wenn der Hintern wehtut, sondern einen anderen Sattel suchen, der passt! Das ist nicht immer leicht, aber möglich. Frauen brauchen nicht grundsätzlich andere Sättel als Männer, sie brauchen beispielsweise keine breiteren, sie müssen aber unter Umständen auf andere Details achten.
Dass nach der ersten langen Radfahrt im Jahr die Sitzbeinknochen wehtun, ist normal. Daran gewöhnt sich der Hintern. Was aber auf keinen Fall wehtun sollte, sind der Steiß oder die Geschlechtsorgane, also die Weichteile zwischen den Sitzknochen. Auch Taubheitsgefühle sollten nicht entstehen, denn die bedeuten Durchblutungsstörungen.
Sitzprobleme stellen sich meist nach einer halben bis Dreiviertelstunde ein. Grundsätzlich kann man sagen: Radelt man oder frau sehr aufrecht, kann der Steiß wehtun. Radelt man/frau im Rennradmodus mehr oder weniger weit nach vorn gebeugt, dann können die Geschlechtsorgane schmerzen oder taub werden. Dafür gibt es aber Abhilfe mit einem anderen Sattel, der auf die eigene Radfahrhaltung und Beckenanatomie zugeschnitten ist.
Die Beckenanatomie von Frauen und Männern ist unterschiedlich. Allerdings weniger als man denkt. Die Abstände der Sitzknochen können bei Männern groß sein und bei Frauen auch gering – tendenziell ist das Frauenbecken etwas breiter, aber individuelle Unterschiede sind da entscheidender. Und tendenziell ist das Becken von Frauen im Sitzknochenbereich flacher, sie kann das Becken nicht so weit nach vorne auf den Sattel kippen.
Weiche Sättel können zur Qual werden. Kompakte weiche Sättel, also etwa Gelsättel, verteilen den Druck ziemlich gleich auf Knochen und Weichteile, was dazu führt, dass die Knochen einsinken und die Weichteile mehr Druck aushalten müssen. Weiche Sättel sind schön für zwei Kilometer, aber nicht für 20. Sie verursachen auf Dauer eher Schmerzen. Alles über Schmerzen und Sättel steht hier. Ein harter Sattel kann da schon mal Abhilfe schaffen.
Harte Sättel sind gewissermaßen ehrlicher. Fühlt man sich auf ihnen sofort wohl, dann wird es vermutlich auch bei längeren Fahrten keine Probleme geben. Härte ist für Sitzbeinknochen und das sie bedeckende Gewebe selten ein Problem. Man gewöhnt sich daran, oder vielmehr das Gehirn gewöhnt sich daran, den Druck nicht mehr als Schmerz wahrzunehmen. Reiter*innen sitzen ja auch auf knochenharten Ledersätteln. Und wir wissen, das können Menschen tagelang tun, sobald sich der Hintern daran gewöhnt hat.
Hier sind Nähte der Kleidung und der Unterwäsche der entscheidende Schmerzfaktor. Rennradler*innen tragen deshalb tunlichst keine Unterwäsche in ihren Radlerhosen und benutzen für lange Fahrten zusätzlich Gels.
Was muss der Sattel tun?
Der Sattel sollte eine Auflage für die Sitzknochen bieten, aber die Weichteile entlasten oder gar nicht erst belasten. Sitzen sollte man auf den Sitzbeinhöckern (also den tiefsten Punkten des Beckens).
Manche Fahrradhändler raten Frauen, in aufrechter Haltung zu radeln. Viele Damenfahrräder (vor allem im Pedelec-Bereich) sind schon so aufgebaut, dass der Lenker höher als der Sattel ist. Wenn eine Frau das nicht will, dann empfiehlt sich der Sattel mit Loch oder Mulde in der Mitte, das allerdings zur eigenen Anatomie auch passen muss. Je nach Schwere der Probleme gibt es Spezialsättel ohne Sattelnase oder mit geteilter Sattelnase. Das dürfte aber nur in seltenen Fällen nötig sein.
Sättel für Frauen
Frauen haben am ehesten Chancen, sich auf einem Sattel auf langen Strecken wohlzufühlen, wenn die Sitzfläche (der breite Teil des Sattels) höher als die Nase des Sattels liegt und wenn in der Mitte eine Mulde oder ein Durchbruch ist. Auch die weibliche Anatomie ist sehr individuell, und was für eine an Vertiefung ausreicht, muss für die andere noch nicht ausreichen. Um den Schambereich zu entlasten, ist für manche Frauen eine aufrechtere Radfahrposition tatsächlich besser. Dann aber kann es zu Problemen mit dem Steißbein kommen. Auch dem kann man mit einem speziell dafür zugeschnittenen Sattel wieder abhelfen (welcher Sattel für welches Problem taugt, kann man hier lesen).
Für Frauen kann eine kürzere Sattelnase, eine längere Mulde oder Durchbrechung und eine Vertiefung am Sattelende unterm Steißbein nützlich sein.
Übrigens, wenn es regnet, bleibt das Regenwasser in so einer Mulde stehen und man muss den Sattel erst mal abtrocknen. Deshalb finde ich den Durchbruch besser.
Es gibt aber noch andere Probleme, die ein Sattel machen kann. Und oft sind die Sättel, die man mit dem neuen Fahrrad kauft, nicht wirklich gut. Hat der Sattel unten eine umlaufende Naht, dann wird man/frau das bald an den aufgeriebenen Hosen merken. Ist die Nase zu breit, dann reiben, je nach Anatomie, die Schenkel an ihr, was auf langen Strecken schmerzhaft wird.
Es gibt auch Ledersättel, die sich allmählich dem Radler*innenhintern anpassen. Das mag mit den Jahren superschick aussehen und für manche auch gut passen, aber es muss nicht unbedingt ein Vorteil sein. Denn er gibt ja dort nach, wo das Hauptgewicht aufliegt und bäumt sich demzufolge dort auf, wo das Weichteilgewebe ihm weniger entgegensetzt als Knochen. Und so kann das Problem entstehen, das auch ein weicher Sattel verursachen kann. Muss aber natürlich nicht sein.
Und eines gilt immer: Der Sattel, der zu mir passt, muss nicht zu dir oder zu deiner Freundin oder deinem Freund passen. Die wenigsten müssen das Radfahren aufgeben, weil ihnen der Hintern – an welchen Stellen auch immer – wehtut, denn es gibt einen Sattel für das Problem. Den muss man/frau nur finden. Leider kann man zwar ein Fahrrad einige Stunden testfahren, aber nicht den Sattel, bevor man ihn kauft. Es ist allerdings gut angelegtes Geld, wenn man sich den passenden Sattel zulegt.